

STERNENHIMMEL IN DEN AUGEN – Franzobel zu den Kid Guard Bildern von Josef Florian Krichbaum
Josef Florian Krichbaums Figuren wirken so glücklich, dass man denkt, ihr Schöpfer muss Finne sein oder bhutanesische Vorfahren haben. Diese Bilder mit den lächelnden Kinder-Wächtern erinnern an japanische Zeichentrickfilme wie Chihiros Reise ins Zauberland. Sieht man genauer hin, erkennt man auch eine Verwandtschaft mit Hieronymus Bosch. Da gibt es Schalen auf Vogelbeinen, Faserschmeichler, einäugige Flauscheier, grinsende Blumen, freundliche Wesen wie aus einem steinzeitlichen Computerspiel. Im Gegensatz zu den Infernos bei Bosch haben Krichbaums Bilder aber eine positive Grundstimmung, und sie besitzen ein Zentrum. Die Figuren schauen einander an, interagieren. So es sich nicht gerade um Porträts handelt, erleben die kindlichen Wächter Abenteuer wie Alice im Wunderland. Oft sind sie in Bewegung: Da wird auf Fischen geritten, fliegen Fabelwesen vorbei, oder erscheint eine Art Jüngstes Gericht von flauschigen Wesen, denen man nichts Böses zutraut. Wächter bevölkern Krichbaums Bilder schon länger, angeblich – man darf den Selbstaussagen von Künstlern ja nicht trauen – weil er eine solche Figur einmal geträumt hat. Ihr augenfälligstes Merkmal ist der Helm mit den beiden fühlerartigen Fortsätzen, die wie Katzen-Schnurrhaare seitlich abstehen. Oder sind es Antennen der Sensibilität? Die Wächter sind hier keine ausgrenzenden Türsteher, die dafür sorgen, dass Unerwünschtes draußen bleibt, sondern eher Aufpasser und Beschützer einer wundersamen Schöpfung. Eine Armee der Guten. Engel? Es ist, als wollten sie sagen, man muss in der Natur nur genau hinschauen, dann kann man all die fantastischen Dinge auch selbst entdecken: Zuckerltiere, Augenwespen, Kronengesichter, Grinsekatzen. Diese Welt ist beseelt wie im Paradies eines Pantheisten, selbst singende Bügelbretter, tanzender Trockengerm oder fliegende Fusslroller würden einen hier, in dieser Wunderwelt für Entomologen des unbekannten Gekreuches und Gefleuches, nicht überraschen. In Krichbaums Bildern stehen die Menschen im Einklang mit der Natur und den Tieren. Die Menschen sind nie in engen Räumen, sondern immer in Waldlichtungen, auf Wiesen, in Tälern oder Flusslandschaften zu sehen. Freilich ist die altmeisterlich gemalte Natur nicht ganz so happy-pepi wie die Kid-Guards und freundlichen Kreaturen, die sie bevölkern. Sie ist zwar nicht bedrohlich, aber zumindest nachdenklich – farbenfroh, berauschend, mächtig. Ein weiteres Merkmal sind die Mühlsteinkrägen, wie man sie von Renaissancebildern kennt. Allerdings haben die kindlichen Wächter keine Arkebusen oder Hellebarden in der Hand, sondern Schokolade, lange Sandwiches, oder Papierservietten-Schmetterlinge. Manchmal tauchen auch Gummistiefel, Wolkenkratzer oder Autobusse auf, aber trotzdem – oder gerade deshalb – lassen sich die Settings in keiner anderen Zeit verorten als in der zeitlosen Märchenwelt. Malt Krichbaum nicht gerne Hälse? Auch die Krägen der Jacken und Hemden sind meist hochgestellt. Erstaunlich, dass nicht auch die Tiere und Wunderwesen Krägen haben. In der Kid-Guard-Serie wird die Welt mit Kinderaugen gezeigt – positiv, staunend, selbstverständlich, ohne naiv zu sein. Nicht selten sind die Augen kleine Sternenhimmel. Man begegnet keinen realistisch gemalten Menschen, die runden Köpfe sind halb so groß wie die Körper, die Beinchen so dünn wie bei einer bulimischen Amy Winehouse, während die Hände unverhältnismäßig klein sind. Auch die Kleidung ist oft bloß ein buntes Rechteck, oder sie hat etwas von einem Insektenpanzer. Man begegnet hier keiner Gewalt und keinen Grauslichkeiten, auch keiner übertriebenen Geschlechtlichkeit, trotzdem liegt in all der fröhlichen Ausgelassenheit auch ein Hauch von Melancholie, Angst vor dem Verlust des Kindlichen und Kindischen, vor dem Verlust der schönen Welt. Krichbaums Bilder sind in der gegenwärtigen Kunstlandschaft völlig solitär. Diese Mischung aus spätmittelalterlichem Altarbild und Animationsfilmfiguren ist einzigartig, irritierend, anregend, und auf eine unerwartete Weise auch schlüssig und so vielschichtig wie die Malweise selbst. Krichbaum muss Finne sein, das sind laut Umfragen die glücklichsten Menschen auf der Welt, oder Bhutanese, die haben ein Ministerium für Glück. Er schafft eine Kombination aus Glanz und Patina, Zukunft und Vergangenheit, Kindlichkeit und intellektueller Reflexion, wie ich so zuvor noch nie gesehen habe.
ISBN 978-3-901392-88-7
STERNENHIMMEL IN DEN AUGEN – Franzobel zu den Kid Guard Bildern von Josef Florian Krichbaum
Josef Florian Krichbaums Figuren wirken so glücklich, dass man denkt, ihr Schöpfer muss Finne sein oder bhutanesische Vorfahren haben. Diese Bilder mit den lächelnden Kinder-Wächtern erinnern an japanische Zeichentrickfilme wie Chihiros Reise ins Zauberland. Sieht man genauer hin, erkennt man auch eine Verwandtschaft mit Hieronymus Bosch. Da gibt es Schalen auf Vogelbeinen, Faserschmeichler, einäugige Flauscheier, grinsende Blumen, freundliche Wesen wie aus einem steinzeitlichen Computerspiel. Im Gegensatz zu den Infernos bei Bosch haben Krichbaums Bilder aber eine positive Grundstimmung, und sie besitzen ein Zentrum. Die Figuren schauen einander an, interagieren. So es sich nicht gerade um Porträts handelt, erleben die kindlichen Wächter Abenteuer wie Alice im Wunderland. Oft sind sie in Bewegung: Da wird auf Fischen geritten, fliegen Fabelwesen vorbei, oder erscheint eine Art Jüngstes Gericht von flauschigen Wesen, denen man nichts Böses zutraut. Wächter bevölkern Krichbaums Bilder schon länger, angeblich – man darf den Selbstaussagen von Künstlern ja nicht trauen – weil er eine solche Figur einmal geträumt hat. Ihr augenfälligstes Merkmal ist der Helm mit den beiden fühlerartigen Fortsätzen, die wie Katzen-Schnurrhaare seitlich abstehen. Oder sind es Antennen der Sensibilität? Die Wächter sind hier keine ausgrenzenden Türsteher, die dafür sorgen, dass Unerwünschtes draußen bleibt, sondern eher Aufpasser und Beschützer einer wundersamen Schöpfung. Eine Armee der Guten. Engel? Es ist, als wollten sie sagen, man muss in der Natur nur genau hinschauen, dann kann man all die fantastischen Dinge auch selbst entdecken: Zuckerltiere, Augenwespen, Kronengesichter, Grinsekatzen. Diese Welt ist beseelt wie im Paradies eines Pantheisten, selbst singende Bügelbretter, tanzender Trockengerm oder fliegende Fusslroller würden einen hier, in dieser Wunderwelt für Entomologen des unbekannten Gekreuches und Gefleuches, nicht überraschen. In Krichbaums Bildern stehen die Menschen im Einklang mit der Natur und den Tieren. Die Menschen sind nie in engen Räumen, sondern immer in Waldlichtungen, auf Wiesen, in Tälern oder Flusslandschaften zu sehen. Freilich ist die altmeisterlich gemalte Natur nicht ganz so happy-pepi wie die Kid-Guards und freundlichen Kreaturen, die sie bevölkern. Sie ist zwar nicht bedrohlich, aber zumindest nachdenklich – farbenfroh, berauschend, mächtig. Ein weiteres Merkmal sind die Mühlsteinkrägen, wie man sie von Renaissancebildern kennt. Allerdings haben die kindlichen Wächter keine Arkebusen oder Hellebarden in der Hand, sondern Schokolade, lange Sandwiches, oder Papierservietten-Schmetterlinge. Manchmal tauchen auch Gummistiefel, Wolkenkratzer oder Autobusse auf, aber trotzdem – oder gerade deshalb – lassen sich die Settings in keiner anderen Zeit verorten als in der zeitlosen Märchenwelt. Malt Krichbaum nicht gerne Hälse? Auch die Krägen der Jacken und Hemden sind meist hochgestellt. Erstaunlich, dass nicht auch die Tiere und Wunderwesen Krägen haben. In der Kid-Guard-Serie wird die Welt mit Kinderaugen gezeigt – positiv, staunend, selbstverständlich, ohne naiv zu sein. Nicht selten sind die Augen kleine Sternenhimmel. Man begegnet keinen realistisch gemalten Menschen, die runden Köpfe sind halb so groß wie die Körper, die Beinchen so dünn wie bei einer bulimischen Amy Winehouse, während die Hände unverhältnismäßig klein sind. Auch die Kleidung ist oft bloß ein buntes Rechteck, oder sie hat etwas von einem Insektenpanzer. Man begegnet hier keiner Gewalt und keinen Grauslichkeiten, auch keiner übertriebenen Geschlechtlichkeit, trotzdem liegt in all der fröhlichen Ausgelassenheit auch ein Hauch von Melancholie, Angst vor dem Verlust des Kindlichen und Kindischen, vor dem Verlust der schönen Welt. Krichbaums Bilder sind in der gegenwärtigen Kunstlandschaft völlig solitär. Diese Mischung aus spätmittelalterlichem Altarbild und Animationsfilmfiguren ist einzigartig, irritierend, anregend, und auf eine unerwartete Weise auch schlüssig und so vielschichtig wie die Malweise selbst. Krichbaum muss Finne sein, das sind laut Umfragen die glücklichsten Menschen auf der Welt, oder Bhutanese, die haben ein Ministerium für Glück. Er schafft eine Kombination aus Glanz und Patina, Zukunft und Vergangenheit, Kindlichkeit und intellektueller Reflexion, wie ich so zuvor noch nie gesehen habe.
ISBN 978-3-901392-88-7


